1996
Vorwort
By Vaclav Havel
Frank Zappa. In Eigenen Worten.
In den siebziger und achtziger Jahren war Frank Zappa einer der Helden des
tschechischen Untergrunds. Es war eine Zeit totaler Isolation. Rockmusiker
und Rockfans in der Tschechoslowakei wurden von der Polizei verfolgt, und
für diejenigen, die sich nicht einschüchtern ließen, war Rockmusik weit mehr
als nur eine Musikform. Frank Zappa schwebte ganz oben am Rockhimmel,
unerreichbar, genau wie die vielen anderen, die die tschechische Szene
beeinflußten – Velvet Underground oder Captain Beefheart zum Beispiel.
Ich
hätte mir nie träumen lassen, daß ich Zappa eines Tages einmal kennenlernen
würde, doch kurz nach der Revolution, als ich bereits Präsident war, tauchte
er in Prag auf, das damals noch von revolutionärer Energie erfüllt war. Er
jammte mit tschechischen Musikern und besuchte mich in der Burg, und wir
sind zusammen etwas essen gegangen. Er war der erste große Rockstar, den ich
kennenlernte, und ich stellte zu meiner Freude fest, daß er ein normaler
Mensch war, mit dem ich mich normal unterhalten konnte. Er war daran
interessiert, möglichst viel über die radikalen Veränderungen zu erfahren,
die in den ehemaligen Ostblockländern gerade vor sich gingen, und war
gespannt, was wohl auf diesen plötzlichen Zusammenbruch einer bipolaren Welt
folgen würde. Er wollte wissen, wie wir die zukünftige Rolle der Sowjetunion
in der Weltpolitik einschätzten, und befragte uns sehr genau zu den
positiven und negativen Aspekten des »samtenen« Kurses, den wir
eingeschlagen hatten. Zappa war fasziniert und begeistert von der Idee, daß dem Künstler im
aktiven politischen Leben eine Rolle zukomme. Er erwog ernsthaft, unser Land
auf inoffiziellem Wege zu unterstützen, sowohl im kulturellen als auch im
wirtschaftlichen Bereich, und ich erfuhr später, daß er mit verschiedenen
Ministern ausführlich darüber gesprochen hatte. Vielleicht hielt ihn seine
Krankheit davon ab, diese Aufgabe zu übernehmen; sein aufrichtiges Interesse
für unser Land hinterließ jedenfalls einen tiefen Eindruck bei mir. Das gilt
auch für seinen Auftritt mit Michael Kocab und dessen Band Prague Select bei
einem Galakonzert im Juni 1991 zur Feier des endgültigen Abzugs der
sowjetischen Truppen aus der Tschechoslowakei nach fast
dreiundzwanzigjähriger Besatzung. Er war zu dieser Zeit schon sehr krank,
nahm jedoch trotzdem teil. Es war einer seiner letzten Auftritte als
Rockmusiker. Für mich war Frank Zappa ein Freund. Ihn kennenzulernen bedeutete, eine
völlig andere Welt zu betreten als die, in der ich als Präsident lebte.
Immer wenn ich dieser Welt entfliehen möchte – zumindest im Geiste –, dann
denke ich an ihn.
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